Stellungnahme des AStA zu steigenden Studierendenzahlen

Bereits am Wochenende berichtete die Neue Presse über die katastrophalen Zustände im Lehrbetrieb der Leibniz Universität und bezog sich dabei auf unsere Stellungnahme, die ihr zu diesem Zeitpunkt exklusiv vorlag. 

Steigende Studierendenzahlen – katastrophale Zustände im Lehrbetrieb!

Zu Beginn des Wintersemesters 2015/2016 wurden an der Leibniz Universität Hannover (LUH) knapp 4.500 Erstsemesterstudierende empfangen. Damit setzt sich der Trend steigender Gesamtzahlen von Studierenden in nahezu allen Fachbereichen fort. Insgesamt sind in diesem Wintersemester knapp 26.800 Studierende immatrikuliert. [1] Zwar ist davon auszugehen, dass diese Zahlen im November noch nach unten korrigiert werden, aber einstweilen führt das Rekordhoch zu massiven Problemen im Lehrbetrieb. Allein anhand der nackten Zahlen lässt sich die Situation an der LUH bereits erfassen, wenn man die Entwicklung der Studierendenzahlen denen der Beschäftigten in Forschung und Lehre gegenüberstellt:

Entwicklung der Studierendenanzahl in den jeweiligen Wintersemestern (WS) seit 2010/2011:

  • WS 10/11: 20.758
  • WS 11/12: 22.236
  • WS 12/13: 23.083
  • WS 13/14: 23.877
  • WS 14/15: 25.688[2]
  • WS 15/16: 26.800

Es zeigt sich, dass die Gesamtanzahl Studierender in den letzten fünf Jahren um ein knappes Drittel zugenommen hat. Im gleichen Zeitraum hat sich die Zahl der Beschäftigten im wissenschaftlichen Betrieb um etwa 10 % (311 Mitarbeitende) erhöht. Hierunter fallen in dieser Rechnung lediglich  (Junior-)Professuren und wissenschaftlich Mitarbeitende, an den Fakultäten und in anderen Einrichtungen:

Festzustellen, wie viele von diesen Menschen tatsächlich auch in der Lehre tätig sind, ist mit Hilfe der von der LUH publizierten Zahlen nahezu unmöglich. Zunächst wäre davon auszugehen, dass nur jene lehren, die auch an den Fakultäten angestellt sind. Weiter ist zu berücksichtigen, dass viele zwar als wissenschaftlich Mitarbeitende angestellt sein können aber zum Beispiel in Forschungsprojekte involviert und nicht selbst in der Lehre tätig sind. Wie viele tatsächliche Lehrpersonen aus Drittmitteln finanziert werden und welche „nur“ forschen, ist schlicht nicht ersichtlich.

Drittmittel werden grundsätzlich zweckgebunden und in der Regel gezielt nur für bestimmte Forschungsprojekte vergeben, können also nicht flächendeckend dort eingesetzt werden, wo sie vielleicht dringender benötigt würden. Offensichtlich aber ist das Missverhältnis in der Personalentwicklung, wenn man dem gegenüber die steigenden Studierendenzahlen betrachtet. Knapp 7.000 Studierende mehr mit höchstens 10 % mehr Lehrpersonal stemmen zu wollen ist schlicht utopisch. Entsprechend sind die Auswirkungen auf den Lehrbetrieb.

Auch deutliche Defizite gibt es im Verhältnis von angestellten Frauen zu Männern: Frauen sind in der Lehre – wie im gesamten wissenschaftlichen Betrieb – eklatant unterrepräsentiert. Besonders deutlich wird dies an der Verteilung der Professuren. Nur etwa ein Drittel des gesamten wissenschaftlichen Personals innerhalb der fachlichen Einrichtungen besteht aus Frauen. [5] Ein ausgeglichenes Verhältnis in der Gesamtbelegschaft kommt nur aus dem Grunde zu Stande, dass in den anderen Einrichtungen und der Verwaltung überwiegend Frauen angestellt sind. 

Präsident Volker Epping, der sich selbst als „Steuermann und Motor für notwendige Veränderungen (?!) im Sinne der Optimierung und strategischen Ausrichtung unserer Universität“ sieht, hat die Schärfung des Forschungsprofils bei seinem Amtsantritt zu seinem obersten Ziel deklariert. „Die bereits vorhandenen Forschungsschwerpunkte im Maschinenbau, der Physik sowie der Biomedizintechnik sollen weiter ausgebaut werden“, [6] während gleichzeitig andere Studiengänge, welche als unrentabel angesehen werden, massiv zurückgebaut oder ganz eingestampft werden. 

Stellen werden gestrichen, frei werdende Professuren teilweise nicht neu besetzt, obwohl Entwicklungsplanungen zwischen Fakultäten und Präsidium teilweise anderes vorsehen. Das Präsidium allerdings vertritt gegenüber den Fakultäten den Standpunkt, dass zunächst andere Vorgaben erfüllt werden müssten, bevor die Entwicklungsvereinbarungen relevant werden: „Die Zahlen müssen stimmen!“ Welche Vorgaben das sind, variiert je nach Sachlage und Fakultät bzw. von Institut zu Institut. In seinem Eifer Wünsche des Ministeriums und politische Zielvorgaben zu erfüllen, verliert das Präsidium offenbar den Blick für die Anforderungen und Bedürfnisse der Fakultäten. Von jenen der Studierenden ganz zu schweigen.

Tatsächlich sind die Bedingungen für Forschung und Lehre an der LUH derzeit alles andere als „exzellent“, wie im Zuge des Amtsantritts vom Präsidenten behauptet. Obwohl die geisteswissenschaftlichen Fakultäten noch immer die meisten Studierenden stellen, wird gerade hier in den letzten Jahren immer weiter zurückgebaut. Es lässt sich seit einiger Zeit beobachten, dass gerade Einführungsveranstaltungen hoffnungslos überfüllt sind. Studierende sitzen an allen Fakultäten besonders zu Semesterbeginn auf den Stufen der Hörsäle oder auf dem Fußboden der Seminarräume. Seminare, die mit 10-20 Teilnehmenden angemessen besucht wären, um Inhalte noch vermitteln und konstruktiv diskutieren zu können, müssen teilweise mit über 100 Menschen zurechtkommen.

Für viele Pflichtseminare gibt es dreistellige Wartelisten – benötigte Module und/oder Praxisseminare können nicht abgeschlossen werden, weil die Teilnahme unmöglich ist. Das Problem zeigt sich vor allem in den Bereichen der Fremdsprachen an den Fakultäten – sowie im Fachsprachenzentrum – ebenso am Institut für Soziologie oder an dem der Politischen Wissenschaft. Aber auch dort, wo seit Jahren gezielt ausgebaut wird, herrschen mit überfüllten Hörsälen und Seminarräumen ähnliche Zustände.

Es wäre dringend notwendig, das Lehrangebot flächendeckend zu erweitern, um einen vernünftigen Betrieb aufrechterhalten zu können! Eine solche Entwicklung ist derzeit aber kaum in Sicht und wenn dann nur sehr vereinzelt und zielgerichtet: Einzelne Institute wie bspw. die Sonderpädagogik sollen mit sechs neuen Professuren ausgebaut werden, mit dem Ziel die Studierendenzahlen hier in den kommenden Jahren noch zu verdoppeln. Kleine, nicht ausgelastete Studiengänge sind währenddessen in ihrer Existenz bedroht und sollen zusammengelegt oder im schlimmsten Fall geschlossen werden. Wie in der Vergangenheit die bis 2008 international anerkannte Sozialpsychologie, die mit der Pensionierung von Dr. Rolf Pohl zeitnah wohl zu ihrem vollständigen Ende kommen wird.[7] Gerüchte zur Schließung von diversen Fachmastern machen in den einzelnen Fachrichtungen zusätzlich immer wieder die Runde. 

In Konkurrenz zum Hochschulstandort Hildesheim, soll die Lehrer*innenbildung in Hannover zum Profil ausgebaut werden. Gleichzeitig aber zwingen politische Zielvereinbarungen und die Stellenpolitik des Präsidiums insbesondere die Philosophische Fakultät (mit dem größten Anteil an Lehramtsstudierenden) dazu, die Zahl der Lehrpersonen in den entsprechenden Fachbereichen drastisch zu reduzieren. 

Währenddessen hat die LUH im selben Zeitraum ein Mehr an finanziellen Mitteln in Höhe von knapp 62 Millionen Euro zur Verfügung.  Die Mittel des Landes sind um etwa 10 Millionen Euro angehoben worden. Zusätzliche Drittmittel dagegen konnten doppelt so viele eingeworben werden – etwa 20 Millionen Euro.[8] Der restliche Anstieg erklärt sich aus der Zunahme an Sondermitteln (hauptsächlich für bauliche Maßnahmen) und den höheren Studienbeiträgen durch die zunehmende Anzahl Studierender. Allein 5,8 Millionen Euro erhielt die LUH in den letzten Jahren für rüstungsrelevante Forschung direkt aus dem Etat des Verteidigungsministeriums. Damit ist die LUH bundesweit führend.[9]

[10]

Dass Studierende seit Jahren immer wieder fordern, eine verbindliche Transparenz- und Zivilklausel in der Grundordnung der Universität zu verankern, interessiert hier nicht! Es bleibt bei einem bloßen Lippenbekenntnis in Form einer schwammigen Formulierung im Leitbild der Universität, die den Wissenschaftsbetrieb vage der Sicherung des Friedens zuschreibt. 

Der Jurist Epping ist der Auffassung, eine solche Änderung der Grundordnung wäre ein unzulässiger Eingriff in die Freiheit von Forschung und Lehre und pocht darauf, dass zunächst die gesetzlichen Grundlagen geschaffen werden müssten, die einen solchen Kurswechsel legitimieren würden. Die Chance dazu wurde – entgegen anders lautender Versprechen aus der Politik und Forderungen nahezu aller Studierendenschaften – bei der Novelle des Niedersächsischen Hochschulgesetzes (NHG) verpasst. Die Universitäten zeigten kein Interesse daran.[11] 

Bauliche Maßnahmen folgen einer Prioritätenliste. Hierbei werden Fakultäten bevorzugt, die gezielt zum Aushängeschild der Universität gemacht werden sollen, während in anderen massiv Mittel gekürzt und dringend fällige Sanierungen auf die lange Bank geschoben werden. Dringend benötigte Gelder um den Um- oder Ausbau oder die Sanierung der Mensa und Lehrräume voranzutreiben, sind schlicht nicht zum benötigten Zeitpunkt verfügbar. 

Stattdessen werden Prestigeprojekte wie das „Zentrum für Biomolekulare Wirkstoffe“ (BMWZ) am Schneiderberg umgesetzt. Weiter erhält die Fakultät für Maschinenbau einen neuen Gebäudekomplex in Garbsen. Dieser wird voraussichtlich deutlich teurer als geplant, Z E N S  I E R T. (Wird überarbeitet)

Nachdem es im Zuge der NHG-Novelle schon nicht zu einer Transparenz- und Zivilklausel kam, blieb die versprochene Demokratisierung der Hochschulen und damit die verstärkte Beteiligung Studierender an wichtigen Entscheidungsprozessen erst recht aus.[12] 

Sinnbild hierfür ist die Debatte an der LUH um die Vergabe des „Preises für exzellente Lehre“, wo Studierende in Zukunft nicht mehr in dessen Vergabeprozess involviert sein sollen. Einen ähnlich peinlichen Fauxpass, wie bei der Vergabe des letztjährigen Preises (zeitgleich mit dem offiziellen Amtsantritt des neuen Präsidenten) will man offenbar vermeiden.[13] Der Preis steht bereits seit Jahren unter der berechtigen Kritik der Studierendenschaft. Der Plan, den Preis in Zukunft nur durch das Präsidium verleihen zu lassen, spricht Bände. Aber: Wer, wenn nicht Studierende, soll die Qualität der Lehre überhaupt beurteilen können? [14] 


[1] https://www.uni-hannover.de/de/aktuell/online-aktuell/details/news/1328/

[2] …darunter knapp 7.000 Studienanfänger*innen, denen knapp 3.600 Absolvent*innen gegenüberstehen.

[3] Siehe Zahlenspiegel der LUH 2011 >> S. 33ff

[4] Siehe Zahlenspiegel der LUH 2015 >> S. 46ff

[5] vgl. Zahlenspiegel der LUH 2015: S. 47, 49

[6] https://www.uni-hannover.de/de/aktuell/online-aktuell/details/news/1134/

[7]  http://www.asta-hannover.de/2014/01/23/pm-prekare-arbeitsverhaltnisse-abschaffen-kritische-lehre-erhalten/

[8] vgl. Zahlenspiegel der LUH 2015: S. 54 ff

[9] s. http://www.sueddeutsche.de/bildung/im-auftrag-des-verteidigungsministeriums-unis-forschen-immer-mehr-fuer-die-ruestung-1.2033114

[10] Abbildung wie Zahlenspiegel der LUH 2015: S. 57

[11] http://www.nhg-novelle.de/

[12] http://www.nhg-novelle.de/positionspapiere/landesastenkonferenz-niedersachsen/

[13] http://www.asta-hannover.de/2015/01/11/laudatio-zur-vergabe-des-preises-fur-exzellente-lehre/

[14] http://senat.asta-hannover.de/stellungnahme-des-sturas-zum-preis-fuer-exzellente-lehre