Verbindungen und Burschenschaften

Sah es bis vor kurzem so aus, als würden studentische Verbindungen und Burschenschaften in der (politischen) Bedeutungslosigkeit verschwinden, steigt deren Einfluss parallel zum gesellschaftlichen Rechtsruck seit 2014 ff. wieder. Mit dem Einzug der völkischen AfD in den Bundestag 2017 sitzen dort zur Zeit 40 Verbindungsangehörige. Auch in mehreren Landtagen ist die AfD teilweise mit hohen Prozentanteilen vertreten. Einher mit dieser Entwicklung gehen auch tausende Stellen für Mit- und Zuarbeitende der Abgeordneten in Bund und Ländern. Hier rekrutiert sich der Nachwuchs häufig auch aus den Reihen extrem rechter Burschenschaften.

In Österreich hatte die ÖVP/FPÖ-Regierung ihren ersten handfesten Skandal mit dem Bekanntwerden eines „studentischen Saufliedes“ (wie es die FAZ im Rahmen der Berichterstattung verharmlosend nannte). Die im Gesangsbuch der Burschenschaft Germania zur Wiener Neustadt abgedruckte Nazischweinerei macht sich über die Vernichtung der Juden im 2. Weltkrieg lustig („Gebt Gas, ihr alten Germanen, wir schaffen die siebte Million“).

Geschichtsrevisionismus, bis hin zur offenen Affirmation des Nationalsozialismus (nicht nur in Bezug auf die eigene Vergangenheit), ist ein wichtiges, identitätsstiftendes Moment korporierter Erziehung. Es verwundert daher nicht, dass Verbindungshäuser in der Vergangenheit häufig bei diversen Veranstaltungen zur „politischen Bildung“ Gastgeber für RevisionistInnen, HolocaustleugnerInnen, VerschwörungstheoretikerInnen und mehr oder weniger offene FaschistInnen waren. Ihr national-konservatives bis völkisch-nationalistisches Weltbild wird – analog zum derzeitigen Rechtsruck – offenbar zunehmend attraktiv: Erstmals seit Jahrzehnten verzeichnen Burschenschaften einen beständigen Zulauf.

Auch in Hannover machen Burschenschaften und andere Verbindungen verstärkt von sich reden, was sich unter anderem in deren Störungsversuchen von studentischen Vollversammlungen seit 2014 ausdrückt. Zwar treten die extrem rechten Anteile der hannoverschen Verbindungen in den letzten Jahren als solche kaum öffentlich in Erscheinung, dokumentiert sind jedoch beste Beziehungen zu diversen Burschenschaften im gesamten Bundesgebiet, die in dieser Hinsicht weniger Skrupel haben.

Der Reader „Eliten und Untertanen“, den der AStA unter Mitarbeit von Felix Schürmann erstmalig 2005 herausgegeben hat, nimmt zentrale Aspekte des Verbindungswesens aus der Geschichte und Gegenwart in den Blick und informiert nicht zuletzt über studentische Verbindungen in Hannover. Er ist 2011 in der dritten Auflage erschienen. Diese Ausgabe ist allerdings vergriffen und liegt unglücklicherweise digital nicht vor, weswegen hier nur der Reader von 2009 verlinkt werden kann.

Eliten und Untertanen

Darüber hinaus haben wir auf dieser Seite einige weitere Informationen zusammengestellt, anhand derer Ihr Euch ein eigenes Urteil über Verbindungen bilden könnt: Grundlegende und weiterführende Texte und Literatur(-hinweise); Verbindungsreader aus anderen Städten sowie Links zu Zeitschriften und politischen Gruppen, die sich mit dem Verbindungswesen befassen.


Leider wird es noch eine Weile dauern, bis der überarbeitete Reader aus Hannover erscheint. Da wir aber nicht zuletzt auf den studentischen Vollversammlungen der letzten Jahre beobachten mussten, dass sich Verbindungsstudierende und Burschenschafter wieder vermehrt einzumischen versuchen, wollen wir Euch nicht die Möglichkeit nehmen, euch zu informieren und zu eigenen Urteilen zu kommen.


Grundlegende Literatur zu studentischen Verbindungen und Burschenschaften in Deutschland und Österreich

  • BUTTERWEGE, Christoph /HENTGES, Gudrun (Hrsg.): Alte und Neue Rechte an den Hochschulen. Münster 1999.
    ELM, Ludwig, HEITHER, Dietrich; SCHÄFER, Gerhard: Füxe, Burschen, Alte Herren: studentische Korporationen vom Wartburgfest bis heute. Köln 1992.
  • HEITHER, Dietrich: Verbündete Männer. Die Deutsche Burschenschaft. Weltanschauung, Politik und Brauchtum. Köln 2000. (Dissertation an der Uni Marburg 2000.)
  • HEITHER, Dietrich; GEHLER, Michael; KURTH, Alexandra; SCHÄFER, Gerhard: Blut und Paukboden: eine Geschichte der Burschenschaften. Frankfurt 1997.
  • HEITHER, Dietrich; SCHÄFER, Gerhard: Studentenverbindungen zwischen Konservatismus und Rechtsextremismus. In: MECKLENBURG, Jens (Hrsg.): Handbuch deutscher Rechtsextremismus. Berlin 1996, S. 865-884.
  • HEITHER, Dietrich: Korporierte Weltbilder und Prinzipien. In: Referat für Politische Bildung (Hrsg.): Der Verbindung Untertan. Zur Kritik der studentischen Korporationen. Bonn 2011, S. 6-15.
  • KREBS, Felix; KRONAUER, Jörg: Studentenverbindungen in Deutschland. Ein kritischer Überblick aus antifaschistischer Sicht. Münster 2010.
  • KURTH, Alexandra: Männer – Bünde – Rituale. Studentenverbindungen seit 1800. Frankfurt a. M. 2004 (Dissertation an der Uni Gießen 2003).
  • MIELKE, Anne: promoviert z. Zt. in Göttingen über „Damenverbindungen“.
  • PETERS, Stephan: Elite sein: wie und für welche Gesellschaft sozialisiert eine studentische Korporation? Marburg 2004. (Dissertation an der Uni Marburg 2003, 325 S.)
  • PROJEKT KONSERVATISMUS UND WISSENSCHAFTEN e.V. (Hrsg.): Verbindende Verbände: Ein Lesebuch zu den politischen und sozialen Funktionen von Studentenverbindungen. Marburg 2000.
  • STUDENTISCHER SPRECHERRAT der Uni München (Hrsg.): Alte Herren, Neue Rechte. Rechte Normalität in Hochschule und Wissenschaft. München 2002.
  • GLASER, Hermann: Biermystik. In: Ders.: Spießer-Ideologie. Von der Zerstörung deutschen Geistes im 19. und 20. Jahrhundert und dem Aufstieg des Nationalsozialismus. Hamburg 1985 (Neuausgabe mit neuem Vorwort, EA 1964)., S. 154 ff.

Verbindungsreader

Deshalb findet ihr hier einige Reader anderer Organisationen über Verbindungen und Burschenschaften. Die Liste erhebt natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Erschienen sind sie zwischen 2001 und 2017:

Weitere Informationen über Verbindungen


Zeitungen und Zeitschriften


Links


Der hannoversche Reader „Eliten und Untertanen – studentische Verbindungen in Hannover und anderswo“ in der vorletzten Version (2009) als PDF zum Lesen und herunterladen:

Unser Reader über Verbindungen und Burschenschaften wird bereits seit einiger Zeit von einigen SachbearbeiterInnen und Projektmitarbeitern überarbeitet. Da wir das sehr gründlich machen und neue Wege der Kritik beschreiten wollen und dafür u.a. auch neue AutorInnen gewinnen konnten, wird das Projekt noch eine Weile brauchen, bis es abgeschlossen ist.