„Verhetzt, irregeleitet, versoffen, farbentragend“ Zur Kritik an studentischen Verbindungen

Der Coburger Convent steht vor der Tür und findet in diesem Jahr coronabedingt als Delegiertentreffen in den Messehallen in Hannover statt.Für uns ein wenn auch unwillkommener Anlass, sich dem Selbstbild der unter dem Verband des Coburger Convents organisierten Landsmannschaften und Turnerschaften zu widmen. Auf der Website der akademischen Landsmannschaft Niedersachsen heißt es: „Wir fühlen uns eigentlich recht modern.“. Ob ihr Gefühl sie täuscht oder sie tatsächlich so modern sind, wie sie es von sich behaupten, wollen wir auf den Grund gehen. Spoiler: Verbindungen und insbesondere die des Coburger Convents sind alles andere als modern und progressiv.
Dabei soll es nicht nur im Konkreten, um die Landsmannschaften und Turnerschaften gehen, die sich am Wochenende um den 5. Juni in Hannover treffen. Wir wollen das unterschiedliche Potenzial rechter Mobilisierung in den verschiedenen Verbindungstypen in den Blick nehmen, auf die überkommenen Geschlechterrollen eingehen sowie eine grundlegende Kritik mit dem Verweis auf die geschichtliche Entstehung von Verbindungen darlegen. Treffender als Kurt Tucholsky können wir es dabei nicht ausdrücken: »Verbindungsstudenten sind ein Haufen von verhetzten, irregeleiteten, versoffenen, farbentragenden jungen Deutschen!«

28.05. 18 Uhr
Burschenschaften: Ehrensache Antifeminismus
Ein Vortrag von Judith Götz  
Der Kampf deutschnationaler Burschenschaften gegen geschlechterpolitischen Wandel in Österreich wie auch in Deutschland können deutschnationale Burschenschaften als elitäre Männerbünde klassifiziert werden, die  sich vor allem über den Ausschluss von vermeintlich Anderen wie Frauen, Migrantinnen und Migranten, Jüdinnen und Juden und Andersdenkenden definieren. Gegenüber gesellschaftlichem Wandel und Veränderungen beispielsweise das Geschlechterverhältnis betreffend, haben sich die burschenschaftlichen Männerbünde bis heute als weitgehend resistent erwiesen. Im Gegenteil fungieren Burschenschaften auch gegenwärtig als zentrale Instanzen zur  Aufrechterhaltung bestimmter Männlichkeitsideale und konservativer Vorstellungen des Geschlechterverhältnisses. So verwundert es auch nicht, dass jede größere Phase frauenbewegter Emanzipationsbestrebungen antifeministische Reaktionsweisen von deutschnationalen Burschenschaften zur Folge hatte.
Judith Goetz ist Literatur- und Politikwissenschafterin, Mitglied der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (FIPU) sowie des Forschungsnetzwerks Frauen und Rechtsextremismus. 

Mitherausgeberin des Sammelbands „Untergangster des Abendlandes. Ideologie und Rezeption der rechtsextremen ,Identitären‘“ (2017), Rechtsextremismus: Band 3: Geschlechterreflektierte Perspektiven“ (2019), AK Fe.In: „Frauen*rechte und „Fauen*hass“ (2019), „Rechtsextremismus: Band 4: Herausforderungen für den  Journalismus“ (2021) sowie „Kontinuitäten der Stigmatisierung von ,Asozialität‘ : Perspektiven gesellschaftskritischer Politischer Bildung“ (2021).

 

31.05. 19 Uhr 
“Völkische Männerbünde auf dem Vormarsch? Die Burschenschaften als Elitenschmiede der Neuen Rechten
Ein Vortrag des Antifaschistischen Bildungszentrums und Archivs Göttingen e. V. (ABAG)
Die ersten modernen Studentenverbindungen entstanden zu Beginn des 19.
Jahrhunderts im Kontext der deutschen Nationalbewegung. Dabei verstanden
und verstehen sich gerade bestimmte Typen studentischer Verbindungen wie
Burschenschaften aufgrund ihrer historischen Ursprünge als entschieden
politische Bünde. Doch andere Korporationsgemeinschaften wie etwa
Landsmannschaften vertraten spätestens während des Deutschen
Kaiserreiches klar völkisch-nationalistische Positionen, zu denen sich
noch heute eine nicht unbedeutende Minderheit im Korporationswesen
vehement bekennt. In der jüngeren Vergangenheit befanden sich
Korporationen noch in einer Krise. Doch mit dem Aufstieg der AfD sieht
vor allem ihr rechter Flügel neue Chancen, ihre politischen Ansichten
wieder salonfähig zu machen. In dem Vortrag werden zunächst die
Besonderheiten von Studentenverbindungen als soziale Gemeinschaften
sowie ihre geschichtliche Entwicklung skizziert, um in der Folge auf

gegenwärtige Verstrickungen in der Neuen und extremen Rechten einzugehen.

 

03.06. 19 Uhr
„Über junge Burschen und Alte Herren“ – Eine Einführung in die Verbindungskritik
Ein Vortrag von Lucius Teidelbaum
Anders als in den traditionellen Hochschulstädten sind Studentenverbindungen in Hannover weniger auffällig. Doch auch hier gibt es aktuell 28 aktive Studentenverbindungen.
Der Vortrag beinhaltet eine Einführung die die Kritik ALLER Studentenverbindungen bzw. des Prinzips Studentenverbindung. Dabei wird zwischen den Arten der Studentenverbindungen differenziert, ebenso aber auch auf fehlende Abgrenzungen hingewiesen.
Die Ausführungen werden mit lokalen Beispielen untermalt.
 
Referent: Lucius Teidelbaum ist freier Journalist, Publizist und Rechercheur. Von ihm erschien zuletzt im Unrast-Verlag das Buch „Die christliche Rechte in Deutschland“ (2018).